Viele Pilotinnen und Piloten in Europa sind im Cockpit so müde, dass sie kurz einschlafen. Das zeigt eine neue Umfrage unter 7.200 europäischen Piloten. Das alarmierende daran: Viele trauen sich nicht, ihre Müdigkeit zu melden – aus Angst vor Ärger mit der eigenen Airline.
Was ist das Problem?
Wer lange arbeitet, nachts fliegt oder durch Zeitzonen reist, wird müde. Das ist bei Piloten besonders gefährlich: Im Cockpit können schon Sekunden des Wegdämmerns – sogenannte Mikroschläfe – ausreichen, um eine wichtige Information zu verpassen.
Laut der Studie hatten 76,8 Prozent der Befragten in den vergangenen vier Wochen mindestens einen solchen Mikroschlaf während eines Fluges. Fast 39 Prozent sagten, dass ihnen meistens oder immer die nötige Ruhe fehle, um nicht zunehmend erschöpft zu werden.
Warum melden Piloten Müdigkeit nicht?
Eigentlich sollen Piloten melden, wenn sie zu müde zum Fliegen sind. In der Praxis passiert das aber oft nicht. Nur gut ein Drittel der Befragten gab an, Müdigkeit üblicherweise zu melden. Fast ein Viertel flog trotz Müdigkeit und meldete nichts.
Der Hauptgrund ist Angst. Viele befürchten, dass die Airline sie bestraft, benachteiligt oder ihnen die Karriere erschwert. Andere wollen nicht negativ auffallen. Das führt dazu, dass Airlines weniger über echte Probleme erfahren – und das Risiko im Cockpit bleibt.
Was ist „Commander’s Discretion“?
Normalerweise gibt es gesetzliche Grenzen dafür, wie lange ein Pilot arbeiten darf. In besonderen Situationen kann die Flugbesatzung diese Zeit jedoch verlängern. Das nennt man „Commander’s Discretion“ – etwa wenn ein Flug wegen Unwetters oder technischer Probleme verspätet ist.
Die Studie zeigt, dass viele Piloten diese Möglichkeit häufig nutzen: Mehr als jeder dritte hatte sie in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal angewendet. Zugleich wachsen die Sorgen, dass eine Weigerung negative Folgen haben könnte. Viele fühlen sich daher unter Druck, länger zu arbeiten, als sie eigentlich sollten.
Wo ist das Problem besonders groß?
Besonders kritisch ist die Lage laut Studie bei Billigairlines und bei Firmen, die Flugzeuge samt Besatzung an andere Airlines vermieten. Auch Piloten bei Airlines mit Sitz in Irland und Malta berichten häufiger von Problemen.
Deutlich besser schneiden Finnland und die Niederlande ab. Dort scheint eine Kultur zu bestehen, in der Piloten ihre Müdigkeit eher offen melden können, ohne Nachteile befürchten zu müssen.
Was fordern die Piloten?
Die europäische Pilotenvereinigung ECA fordert von Airlines, Behörden und der EU-Luftfahrtagentur EASA, endlich konsequent zu handeln. Wichtig seien vor allem:
- Ein Meldesystem, bei dem Piloten ohne Angst vor Strafen Müdigkeit melden können.
- Bessere Ruhezeiten und realistischere Flugpläne.
- Strengere Kontrolle der Airlines durch die nationalen Luftfahrtbehörden.
- Klare Regeln, damit „Commander’s Discretion“ nicht routinely zur Verlängerung der Arbeitszeit genutzt wird.
Warum betrifft das alle?
Müde Piloten sind kein privates Problem der Airlines, sondern eine Frage der Flugsicherheit. Wenn Erschöpfung nicht gemeldet wird, bleibt sie unsichtbar – bis im schlimmsten Fall etwas passiert.
Die Studie sagt nicht, dass das Fliegen in Europa grundsätzlich unsicher ist. Sie zeigt aber: Die Systeme, die Müdigkeit früh erkennen und verhindern sollen, funktionieren bei vielen Airlines noch nicht zuverlässig. Und daran hat sich seit einer ähnlichen Untersuchung vor drei Jahren offenbar kaum etwas geändert.
