Villeroy & Boch, eine Weltfirma – und ein Familienbetrieb in der achten Generation: Schrittmacher europäischer Porzellangeschichte


25 Okt 2011 [08:50h]     Bookmark and Share


Villeroy & Boch, eine Weltfirma – und ein Familienbetrieb in der achten Generation: Schrittmacher europäischer Porzellangeschichte

Villeroy & Boch, eine Weltfirma – und ein Familienbetrieb in der achten Generation: Schrittmacher europäischer Porzellangeschichte



Mit Porzellan ist es wie mit Bier. Lediglich drei Zutaten, im richtigen Verhältnis vermengt – und heraus kommt ein Spitzenprodukt. Naturrein. Kaolin, Quarz und Feldspat sind die Grundsubstanzen für „weißes Gold“. Vierte „Zutat“ ist das „Arkanum“, das streng gehütete Geheimnis der Mischung.

Mettlach – Das englische Wort für Porzellan lautet nicht umsonst „china“: Kostbare Vasen und Geschirr wurden jahrhundertelang nur in Fernost produziert – bis im sächsischen Meißen der Apothekerlehrling Johann Friedrich Böttger gemeinsam mit dem Physiker Ehrenfried von Tschirnhaus das Geheimnis der Herstellung von Hartporzellan entdeckte, quasi als „Abfallprodukt“ eines missglückten Versuches, Gold herzustellen. So konnte 1710 ihr Landesherr, August der Starke, die Gründung der ersten deutschen, ja europäischen Porzellanmanufaktur verkünden.

Doch von „ächtem“ Porzellan zu speisen, war vorerst weiterhin nur Königen und Fürsten vergönnt, während der Otto Normalverbraucher des Spätbarocks immer noch vor Zinngeschirr oder Grobkeramik saß. Auch am anderen Ende des Heiligen Römischen Reiches, im lothringischen Dorf Audun-le-Tiche, war das so. Dort lebte der Eisengießer Francois Boch. Damit seine Kinder es mal besser hätten, gab er seinen Knochenjob auf und widmete sich statt Kanonenkugeln der Fertigung von Töpferware. Das war 1748. Knapp hundert Jahre später tat sein Enkel Jean-Francois sich mit dem Steingutfabrikanten Nicolas Villeroy zusammen. Das Ziel war, das gebräuchliche einfache rote Steinzeug durch weißes zu ersetzen. Denn mit der beginnenden Industrialisierung wuchs der Anspruch der zu Wohlstand gelangten Bürger, es dem Adel gleichzutun und einen gehobenen Lebensstil zu pflegen. Feine Keramik gehörte unbedingt dazu. Aber erschwinglich musste sie sein. Früher als anderswo standen Maschinen, die Gebrauchsgeschirr en gros produzieren konnten, in Mettlach an der Saar, wo man sich – nach einem Zwischenspiel in Luxemburg – niedergelassen hatte. Eine der Möglichkeiten, Arbeitsgänge zu rationalisieren, hieß: wenige Formen, dafür zahlreiche Dekore – eine Idee, die sich bei anderen Firmen erst viel später durchsetzte. Leistungsfähigere Öfen wurden gebaut, die neu entwickelte Kupferdrucktechnik für Dekore angewandt. Ein angeheirateter „Arkanist“ verfeinerte die  Porzellanrezeptur. Die Bochs waren so erfindungsreich wie vom Glück begünstigt, so traditionsbewusst wie zukunftsweisend für die Branche.

Lothringen, Luxemburg, das Saarland: Die Meilensteine der Firma Villeroy & Boch bieten Stoff für viele Geschichtsstunden. Aber wie auch immer die Grenzen im vergangenen Vierteljahrtausend verliefen – für die Bochs und Villeroys gab es im Grunde keine, denn sie handelten schon immer europäisch. Gegen wechselnde Machtverhältnisse und Bürokratie setzten sie handwerkliches Können, gute Ideen und eine geschickte Firmenpolitik.

Nach wie vor ist die schöne alte Mettlacher Abtei an der Saar der Firmensitz von V&B. Das Haus wird bereits in der achten Generation von den Bochs geführt – eine Ausnahmeerscheinung im Reigen der Weltfirmen. Francois, der noch Kanonenkugeln goss, hätte sich sicher nicht träumen lassen, dass sein Nachkomme Wendelin von Boch über 250 Jahre später hoch geehrt werden würde: mit dem Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft. Verliehen wurde der für eine Tasse, die inzwischen jeder kennt. Sie ist aus einem Guss, mit schwungvollem Henkel. Ihr Name: „New Wave“.

Fast so alt wie die Firma ist das „Brindille“(Zweig)-Dekor „Alt-Luxemburg“, ursprünglich noch von Hand gemalt. Auch heute ist noch vieles Handarbeit bei V&B, zum Beispiel die goldenen Randbemalungen am Geschirr. Großflächige Dekore werden per Spray- und Schiebetechnik oder Silikonstempel aufgetragen. Im Keramikmuseum der Abtei kann man Besonderes bewundern, wie etwa das Emblem des Vatikans, aufgebracht auf die Form Royal. Bei Familie Jedermann war als Dekor lange Zeit „Burgenland blau“ sehr beliebt, und „Botanica“ war in den 1970er Jahren gar so begehrt, dass mancher bis zu einem Jahr Lieferzeit in Kauf nahm.

Lassen wir zum Schluss die Luxemburger Behörde anno 1777 sprechen, die der Firma bescheinigte: „Die Ware ist schön, gut verarbeitet und preisgünstig. Das ist alles, was man sich wünschen kann.“

Cornelia Raupach

 

Fotos: Carstino Delmonte







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