Seattles geheimer Untergrund – die versunkene Stadt


05 Feb 2009 [13:20h]     Bookmark and Share


Seattles geheimer Untergrund – die versunkene Stadt

Seattles geheimer Untergrund – die versunkene Stadt



In den meisten Städten der Welt ist der Untergrund etwas Furchteinflößendes: manchmal ist damit die Kanalisation gemeint, in anderen Fällen sind es zwielichtige Organisationen – nicht so in Seattle, der größten Stadt im US-Bundesstaat Washington.

Die umweltfreundliche und äußerst lebenswerte Metropole ist sogar dort attraktiv, wo die Sonne nicht scheint, nämlich unter ihren Straßen und Bürgersteigen. Neugierige Bewohner haben dort eine „versunkene Stadt“ entdeckt, die der Besucher von heute im Rahmen einer fachkundigen Führung gerne besichtigen darf.

Das Geheimnis unter dem Pioneer Square

Es begann alles mit Bill Speidel (1912-1988), einem echten Original, das rund um Seattle bekannt und beliebt war. Bis 1946 war er Reporter und Kolumnist bei zwei Lokalzeitungen gewesen. Dort ging 1964 die Anfrage einer Leserin ein, die wissen wollte, ob Gerüchte stimmten, unter dem Pioneer Square lägen noch die Ruinen einer älteren Stadt. Gab es dort wirklich geheime Gänge – und waren sie etwa begehbar?

Tatsächlich bildete diese Gegend einst den historischen Kern der Stadt, war aber Mitte des 20. Jahrhunderts reichlich heruntergekommen. Die Zeitung gab die Anfrage an ihren früheren Mitarbeiter Bill Speidel weiter, der eine Bürgerinitiative gegründet hatte, um den Pioneer Square unter Denkmalschutz zu stellen. Derweil wurde das Blatt mit weiteren Zuschriften interessierter Leser überhäuft. Speidel witterte eine Chance: Er würde die Menschen in den Untergrund führen und sie gleichzeitig um Unterschriften für eine Petition bitten, mit der er sich bei der Stadtverwaltung für die Erhaltung und Sanierung der historischen Bausubstanz am Pioneer Square einsetzte.

Die Entdeckung der „versunkenen Stadt“

Bei seinen Nachforschungen stieß Speidel nämlich in der Tat auf die Überreste einer „versunkenen“ Stadt, die 1889 durch einen Großbrand zerstört worden war. Dieses alte Seattle, das hauptsächlich aus Holzgebäuden bestand, war auf solch schlammigem Wattboden gebaut, dass seine Ruinen buchstäblich vom Erdboden verschluckt worden waren. Nach diesen schlechten Erfahrungen errichtete die Stadt vor dem Wiederaufbau zunächst Spundwände beiderseits der alten Straßen und befestigte den Boden, wodurch die neuen Straßen fast ein Stockwerk höher lagen als die alten. In Gebäuden, die noch auf dem früheren Geländeniveau gebaut worden waren, lag das Erdgeschoss nun im Keller, und von der Straße mussten Zugänge zum ersten Obergeschoss gebaut werden. Durch die kuriosen Höhenunterschiede innerhalb der Stadt entstanden zwangsläufig Hohlräume, die heute, nachdem das Straßenniveau überall angeglichen wurde, den begehbaren „Untergrund“ von Seattle bilden.

Seattles wilde Jahre

Dazwischen war aber noch einiges geschehen: Der Goldrausch am Yukon hatte Ende des 19. Jahrhunderts Tausende von Abenteurern und Glücksrittern in die Stadt gebracht, die auf der Durchreise nach Alaska waren. Geschäfte, aber auch Glücksspiel und Prostitution florierten eine kurze Zeit lang, doch als der Goldrausch vorüber war, blieb auch die Kundschaft aus, und ehrbare Geschäftsleute zogen in andere Gegenden der Stadt, während der Pioneer Square in Vergessenheit geriet.

Die Untergrund-Tour

Speidel wollte den Pioneer Square aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und vor allem verhindern, dass ein zweites Mal die Stadtgeschichte einfach untergepflügt wurde und im Erdboden verschwand, um neuen Gebäuden Platz zu machen. Im Mai 1965, also kurz nach der Veröffentlichung der erwähnten Leserbriefe, nahm Speidel dann den „Know Your Seattle Day“ zum Anlass, für einen Dollar pro Teilnehmer eine erste offizielle Tour durch den Untergrund anzubieten, um auf dieses vergessene Stück seiner Heimatstadt aufmerksam zu machen. Am ersten Tag nahmen bereits 500 interessierte Bürger an solchen Führungen teil. Bald fanden die Touren regelmäßig statt, und 1970 erreichte Speidel endlich auch, dass der Pioneer Square und seine Umgebung offiziell zum „historischen Bezirk“ erklärt wurden.

Die Tour wird heutzutage, je nach Jahreszeit und Wochentag, drei- bis zehnmal täglich angeboten – und das ganzjährig mit Ausnahme des Erntedankfests, Weihnachten, Neujahr und dem 2. Januar. Einen genauen Plan mit Zeiten und Eintrittspreisen kann man sich von der Website UndergroundTour.com herunterladen und auch zum Mitnehmen ausdrucken.







  • Palma.guide



Kontakt zum Verfasser der Nachricht:










Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*